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[opensuse-wiki-de] Re: [opensuse-wiki-de] Re: [opensuse-translation-de] Re: [opensuse-wiki-de] Übersetzung von Eigennamen
Liebe Leute,

als professioneller Übersetzer möchte ich, nachdem ich bisher nur
mitgelesen habe, eine Art "translationswissenschaftliche Perspektive" zu
diesem Thema beisteuern und erklären, wie so etwas im Alltag der
Übersetzerbranche normalerweise gehandhabt wird bzw. wie es
Übersetzungsstudenten an der Uni gelehrt bekommen. Vielleicht kann das
ja eine mögliche Vorgehensweise für die Wiki-Übersetzung anregen und die
Wogen hier ein wenig glätten...

Was den Vorschlag angeht, ein Regelwerk für die Übersetzung von
Eigennamen einzuführen: So etwas ist in der Industrie, insbesondere bei
großen Firmen / Marken üblich und steht unter dem Oberbegriff "Corporate
Language" (lässt sich in etwa mit "Firmensprache" oder "Markensprache"
wiedergeben). D.h., viele Firmen gehen beim Marketing so weit, dass sie
ihren Übersetzern exakt vorschreiben, wie sie sich ausdrücken sollen,
welchen Stil sie bevorzugt verwenden sollen, ja, teilweise sogar, ob
fakultative Kommas gesetzt werden müssen oder nicht gesetzt werden
dürfen. Das dient der Ausbildung einer gewissen firmentypischen Sprache,
die sich von der der Konkurrenten am Markt abhebt. Die Frage ist, ob
sich ein solcher Aufwand für openSUSE lohnen würde?

==> Das kann marketingtechnisch ein überaus mächtiges Mittel sein.
Beispiel: Wusstet ihr, dass z.B. der Begriff "ESP" für "elektronisches
Stabilitätsprogramm", was wiederum die Übersetzung von "Electronic
Stability Control (ESC)" ist, ein eingetragenes Warenzeichen von
Mercedes ist? Ganz Deutschland nennt dieses spezielle Sicherheitsfeature
an Autos ESP, aber alle Autohersteller außer Mercedes müssen es in der
Werbung anders nennen, obwohl es bei allen das gleiche tut. Nur Mercedes
darf zu ESP auch ESP sagen. Anderes Beispiel: das Wort Fön/Föhn. Das ist
ein Markenname von AEG. Alle anderen Hersteller von Föns müssen
"Haartrockner" sagen, obwohl das Ding in der Umgangssprache Fön/Föhn heißt.
Ob so eine Corporate Language für openSUSE ein probates Werbemittel
wäre, da müsste sich das Marketingteam mit befassen und ggf.
"Vorschriften" und Wortlisten für die Bezeichnung verschiedener
Objekte/Institutionen/Vorgänge erarbeiten.

Da aber solche (meines Wissens) bisher nicht existieren (und meiner
/persönlichen/ Meinung nach auch unnötig wären), gilt der
translatorische Grundsatz: *Eigennamen werden _/nicht /_übersetzt. *Ein
John Smith wird ja beispielsweise im Film/Fernsehen auch nicht zum
Johannes Schmitz oder Schmied oder Schmitt. Ausnahmen bilden offizielle
(staatliche) Institutionen / Gremien, die offizielle Bezeichnungen in
verschiedenen Sprachen haben (Bsp: Bundesgerichtshoft - Federal Court of
Justice of Germany etc.)

Allerdings muss man sich in unserem Fall die Frage stellen, was alles
als Eigenname betrachtet werden kann. Eigennamen untergliedern sich in
folgende Kategorien:
- Anthroponyme (Personennamen, etwa Vor- und Familiennamen oder Pseudonyme)
- Eigennamen für andere Lebewesen (wie Haustiere)
- Toponyme (Ortsnamen, etwa Länder- oder Städtenamen)
- Eigennamen für Institutionen
- Produktnamen
- verschiedene historische Ereignisse (z.B. "Erster Weltkrieg")

==> Für uns interessant sind im Zusammenhang mit Übersetzungen
insbesondere die Eigennamen für Institutionen und die Produktnamen. Wenn
wir wissen wollen, ob eine bestimmte Bezeichnung für einen bestimmten
Bereich im Wiki übersetzt werden muss oder nicht, müssen wir uns also
fragen, ob es sich dabei um einen Produktnamen oder eine Istitution im
weiteren Sinne handelt oder nicht.
Der Begriff OpenOffice.org etwa ist ganz eindeutig ein Produktname. Das
bezeichnete Produkt ist eine Bürosoftware --> Name wird nicht übersetzt.

Natürlich gibt es auch Begrifflichkeiten, wo die Sachlage nicht so
einfach ist. Als Beispiel wurde etwa der openSUSE-Rat versus
openSUSE-Board genannt. Natürlich ist das eine feste Institution in der
Gemeinschaft ("community" ist übrigens kein Produktname und keine
Institution, dashalb sollte es übersetzt werden) und deshalb sollte der
Name openSUSE-Board (nach deutscher Rechtschreibung allerdings besser
*mit* Bindestrich) auch bestehen bleiben. Nun hat Uwe zu Recht
angemerkt, dass ein Neuling bzw. Nicht-Englischsprecher wenig mit der
Bezeichnung anfangen kann. Dem stimme ich zu. Deshalb ist eine in
Klammern geschriebene oder mit Kommas abgetrennte Erklärung
("Apposition"), die dem Begriff bei der ersten Erwähnung in einem Text
beigefügt wird, sinnvoll. Etwa: "Das openSUSE-Board (Rat des
openSUSE-Projekts) hat beschlossen, dass..." oder "Das openSUSE-Board,
der Rat des openSUSE-Projekts, hat beschlossen, dass..."
Die ebenfalls genannten "People of openSUSE" würde ich wiederum nicht
als Institution betrachten, und deshalb übersetzen. Eine Arbeitsgruppe
oder Interessengruppe ist ja nicht gleich eine Institution. Sollte es
doch als solche betrachtet werden und unübersetzt bleiben, wäre aber
zumindest eine erklärende Apposition hinzuzufügen.

Gleiches gilt für Begrifflichkeiten wie das o.g. "community" oder auch
"repository". Es handelt sich dabei eindeutig nicht um Eigennamen, also
sollten sie übersetzt werden. Dass sich verschiedene englischsprachige
Bezeichnungen bereits mehr oder weniger eingebürgert haben, kann nicht
als Argument gelten, die Begriffe unübersetzt zu lassen. Das wäre der
Qualität des Zieltext bzw. der Übersetzung einfach nicht zuträglich.
Wenn es eine deutsche Entsprechung für einen Begriff gibt, erfordert es
die Textsortenkonvention für unpersönliche und "offizielle" Texte im
Deutschen im Allgemeinen, den deutschen Begriff auch zu verwenden.

Bleibt noch zu sagen, dass es überaus löblich ist, dass sich hier
überhaupt mit diesem Problem befasst wird, weil das von einem gewissen
Bewusstsein dafür zeugt, dass eine Übersetzung (zumindest in der
heutigen Zeit) auf das Zielpublikum / den Adressaten ausgerichtet sein muss.
Dazu ist es allerdings nötig, zu wissen, wer der Adressat ist bzw. wie
sich das Zielpublikum zusammensetzt. Wer soll mit der übersetzten
Version eines Textes angesprochen werden?

==> Das wäre in unserem Fall ein überaus gemischtes Publikum, das
gleichermaßen Experten und Laien, Neueinsteiger in die Materie und "alte
Hasen" beinhaltet und welches dem Schreiber nicht persönlich bekannt
ist. Eine logische Schlussfolgerung wäre also, wenn nicht gerade ein
Newbie-Wiki und ein getrenntes Experten-Wiki aufgezogen werden soll,
dass man sich so einfach ausdrückt, dass es auch die Laien unter den
Lesern verstehen. Die Experten werden eine einfache Ausdrucksweise
sowieso verstehen, ein Laie eine fachsprachliche Äußerung aber in der
Regel nicht. Die Maxime sollte also sein, sich so auszudrücken, dass es
ein Ottonormalverbraucher versteht. Es sollten daher *kein Fachwissen*,
sondern lediglich gesunde Allgemeinbildung und *keine
Fremdsprachenkenntnisse* vorausgesetzt werden.

So, ich hoffe, dass das ein bisschen hilft und halbwegs verständlich
war. Wie gesagt, ich habe selber Übersetzen studiert und so habe ich es
beigebracht bekommen...

Viele Grüßen und angenehmen Abend!

Andre



Am 06.06.2011 17:29, schrieb Kim Leyendecker:
Am 06.06.2011 10:23, schrieb Karl Eichwalder:
Es kommt eben darauf an, wen man ansprechen will (und wie man sich
selbst zu positionieren gedenkt). Für mich klingt "Menschen hinter
openSUSE" solider, wenn in einem deutschsprachigen Kontext etwas "People
of $PROJECT", dann habe ich zumindest gewisse Vorbehalte.

Klar, "Menschen hinter openSUSE" ist für die Deutsche Community
natürlich näher, weil es eben ihre eigene Sprache ist. Für mich ist es
allerdings auch wichtig, dass der Nutzer/Leser weiß, wie nun dieses
Projekt genau heißt. Wenn ernnun nur den Namen "Menschen hinter
openSUSE" kennt, und dann mal eine Suche via Google laufen lässt, wir
er vielleicht einfach alle "People of openSUSE" Einträge ignorieren,
weil es ja nicht "Menschen hinter openSUSE" ist, sondern der Englische
Name.

Meiner Meinung nach wäre der beste Weg, wenn man mehrere Begriffe
verwendet. Man könnte es ja so beschreiben:

Die "Menschen hinter openSUSE" Serie (original engl. "People of
openSUSE")

Für mich wäre es einfach wichtig, dass wir uns auf eine gemeinsame
Linie in Sachen Übersetzung und Eindeutschung einigen, da wir uns
sonst in Korrekturen der Sprache verlieren, und das Wesentliche aus
den Augen verlieren.

IMHO es ist besser, eine Art Regelwerk zu erstellen, in denen solche
Fälle geklärt werden. Natürlich muss es kein 1001 Seiten langer Wälzer
sein, der im feinsten Juristen-Deutsch verfasst ist, und den wirklich
keiner lesen will, weil zu kompliziert.

Was haltet ihr davon?


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