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Re: OT: Das nimmt ja langsam Formen an....
  • From: Joerg Rossdeutscher <ratti@xxxxxxxxxxx>
  • Date: Sat, 17 Jan 2004 00:15:37 +0100
  • Message-id: <1074294937.784.196.camel@xxxxxxxxxxx>
Moin,

Am Fr, den 16.01.2004 schrieb Mathias Bauer um 02:22:
> Apropos, mich würde mal interessieren, wie die Seiten-Entwickler auf
> der Liste das sehen: spielt z.B. in Auftragsverhandlungen mit Firmen
> über die Erstellung von Internetauftritten die technische Praxis
> überhaupt (noch) eine Rolle? Werdet ihr nach eurer Meinung, eurem
> Rat gefragt? Kommuniziert ihr gegenüber der Firma auch die Sicht
> des möglichen Kunden, dessen Einwände, usw? Oder beißt ihr da auf
> Granit? Und heißt es also nur in etwa "Wir sind die Firma XYZ!
> Unser pixelgenaues Konzept steht! Entweder sie machen das so oder
> sie sind raus!" (Ich kann mir natürlich schon vorstellen, dass man
> sich im sicher heiß umkämpften Designer-Markt mit Kritik auch mal
> zurück hält, um einen Auftrag zu bekommen.)

[Ich bemühe mich mal, die Frage zu beantworten - trotz der schlechten
Erfahrung, die ich damit gemacht habe, offen darüber zu sprechen, daß
man aus verschiedensten Gründen im Alltag in unserem Marktsegment
proprietäre oder "broken" Technologie einsetzen muss.]



Um es mal etwas hart zu sagen:
Menschen mit ästhetischem Gespür UND technischer Begabung sind ein
äußerst seltenes Gut. Das führt dazu, dass Websites sehr oft aus zwei
Händen kommen: Einer macht das Design, und ein ganz anderer setzt es um.
Der erste dieser beiden weiß nicht, was "ein W3C" überhaupt ist.

Wer von beiden jetzt "das Sagen" hat, ist absolut davon abhängig, in
welchem Segment der Branche du dich bewegst.



Es gibt die "Webschrubber", die bauen "Masse". Da gehst du als Kunde mit
deiner Corporate-Design-Broschüre hin, die dir deine Agentur erstellt
hat (Oder die Agentur der Konzernmutter in Australien), und die hauen
deine in Word angelieferten Texte 1:1 rein. Die Website sieht aus wie
1000 andere Websites, aber in den Farben deiner gedruckte Broschüre, und
das wars. 9.99 EUR pro HTML-File, GIFs die Hälfte. Es ist nicht
abwertend gemeint, wenn ich sage, daß diese Site Massenware sind. Gern
mal aus dem Template-Converter:
"Willkommen auf der Website von <B>$CUSTOMER</B><BR><BR>"



Es gibt die technisch fixierten Läden, die haben mit Inhalt und Form der
Site eigentlich gar nicht soviel am Hut, die machen ein hübsches
Flashintro, Gewinnspiele, Flash-Games, Newsflash, Onlineshop - da stellt
sich die W3C-Frage gar nicht so sehr: Plain HTML, die Hälfte davon zwar
deprecated aber voll funktionierend. <NOBR> und so. In die Flash-Sektion
kommst du als PPC-Linuxer dann nicht rein. Hm.



Und dann gibt es die Werber. Die entwerfen ein Produktwelt,
kommunizieren ein Markenimage, implementieren eine Bildersprache, lassen
Models knippsen und geben den ganzen Kram dann auf Papier im Pappkarton
zum "Webschrubber", siehe oben. Die können gar kein HTML, wissen das und
lassens bleiben. Gelegentlich kommt es dann zu etwas schwierigen
Gesprächen, weil der Second Senior Art Director Consultant zwar für die
Internetpräsenz verantwortlich ist, selber aber weder Computer noch
Internet besitzt, benutzt oder kennt und immer das große blaue "e" da
oben rechts weg haben will, das aber nunmal zum Browser gehört. "Was
Browser? Machen sie das Ding weg! Das geht ja gaaaaaaar nicht!".



Ich selbst arbeite in einer Designagentur. Die Designer sind dort
Spezialisten für hochwertige Typographie, sauberen Satz und haben
natürlich ein Problem, wenn sie diesen Qualitätsanspruch ins Web
übertragen wollen. Inzwischen kann zwar fast jeder Browser /richtige/
Anführungsstriche statt Zollzeichen, aber eben keine Ligaturen, zum
Beispiel. Und ein Mensch, der Tagein, tagaus viel Sorgfalt darin
verwendet, einen Fliesstext manuell zu trennen, zu unterschneiden oder
des Umbruchs willen umzuformulieren, hat natürlich ein Problem mit "Der
Browser verwendet irgendeine Serifenschrift. Der Text bricht um, wie's
passt. Der Text ist so breit, wie der Surfer seinen Browser
aufreisst"... etc... pp...
Von daher gibt es logischerweise recht viele Reibungspunkte, weil die
Designer hinter eine bestimmte ästhetische Grenze nicht zurückkönnen,
denn sie sind ja als *Designer* vom Kunden beauftragt, und er will eine
*Design*leistung haben, etwas besonders ästhetisches, nicht etwas
besonder W3C-kompatibles. Gewisse Prioritäten sind also einfach bereits
dadurch gesetzt, daß der Kunde zu uns kommt und nicht zum
"Webschrubber".
Ich muß vielleicht dazu sagen, daß wir allein dadurch eine bestimmte
Klientel haben. Die präsentierten Produkte sind oftmals so hochwertig,
daß überhaupt keine Preise genannt oder Produkte gezeigt werden, sondern
nur eine Art "Selbstpräsentation" stattfindet, ohne konkrete Inhalte.
Einen Onlineshop habe ich überhaupt noch noch nie gebaut.
Wir bauen nur Websites, die Teil einer Corporate-Design-Gesamtarbeit
sind. Du kannst bei uns keine "standalone" Website kaufen, wir wollen
auch dein Briefpapier, deine Broschüren und dein Firmenlogo machen. Die
Homogenität zwischen diesen Produkte erlaubt uns oft kein W3C-Webdesign,
weil die Website eben auch zu einer Printbroschüre passen muß. Wir geben
uns aber sehr viel Mühe, trotzdem eine Zugänglichkeit für alternative
Browser und OSse herzustellen. Du wirst von uns keine "IE-only"-Sites
bekommen, in der Regel sind JavaScript und/oder Cookies aber Pflicht,
und vieles, was eigentlich Text sein sollte, wird über Bilder
realisiert.
Das sind dann eben so Sachen: Klar geht es auch ohne Cookies - aber ein
Surfer, der demnächst ein Produkt dieser Firma für 1.000.000 EUR (kein
Witz) erwerben will, der darf einfach nicht ein zweites Mal auf
"Sprache: Deutsch" klicken müssen, so was packe ich in einen Cookie, der
viele Jahre halten muss :-). Und wer ein Produkt des Markennamens wegen
kauft (und nicht ein billigeres Produkt, das wohlmöglich deutlich besser
ist), der will den Markennamen in der /richtigen/ Schrift sehen, immer
wieder. Ein typischer Vertreter dieser Ecke wäre zum Beispiel
(Ausgedacht! Nicht unsere Kunden!) Rolex, BMW, Cartier,...

In dieser Einkommensklasse findest du sehr, sehr wenige Menschen, die
Zuhause an ihrem Linux rumschrauben, mit Braille-Zeile surfen oder lynx
benutzen. Trotzdem darf man nicht davon ausgehen, daß auf dem
Ausgabegerät enorme Ressourcen zur Verfügung stehen - das beste Beispiel
dafür ist der gut verdienende Geschäftsmann, der auf dem Flughafen noch
schnell per Bluetooth auf dem 15"-Notebook surft - mit 1024 Pixeln
Bildbreite ist der nämlich schon aufgeschmissen.

Gruß, Ratti




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