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Re: Linux in Unternehmen
- From: eschwenk@xxxxxx (Erhard Schwenk)
- Date: Wed Jun 09 22:51:04 1999
- Message-id: <XFMail.990610005104.eschwenk@xxxxxx>
On 08-Jun-99 Florian Gross wrote:
Ich glaube, daß Du da mehrere Sachen übersiehst:
1.) Wieviel gibt es wohl, die _ohne_ Vorahnung möglichst innerhalb von
maximal einer Woche einen Linux- Server aufzusetzen, ohne daß dann
auch nur eine Unterrichtsstunde ausfällt?
Das funktioniert mit Windows genausowenig. Es sieht nur so aus, als ob es
funktionieren würde - das ist der Fehler an der Sache.
muß eine simple EDV-Grundausbildung haben (warum wird eigentlichFrag doch mal _dort_ nach.
nicht einfach auf Schulamtsebene ein ordentlich ausgebildeter
EDV-Spezialist angestellt, der die Betreuung der Schulen in EDV-Fragen
fachkundig und kompetent übernimmt?)
Es wäre eine Aufgabe engagierter Lehrer, in einer solchen Richtung Druck zu
machen. Woher soll das Schulamt wissen, was Sache ist, wenn sich die Basis
schon nicht rührt? Aber auch hier gilt natürlich: nur wer informiert und
kompetent ist, kann die richtigen Argumente finden und verstehen. Und daran
mangelt es bei allen Seiten leider gar zu häufig.
Allerdings muß ich sagen, daß die Lehrer sich hier auch an die eigene
Nase fassen müssen. Von jedem Mitarbeiter in ner Firma wird erwartet,
daß er sich - auch in seiner Freizeit - zu einem gewissen Grad selbst
informiert und weiterbildet.
Bloß sind die mit der Arbeit fertig, wenn sie aus der Firma kommen,
während die Lehrer sich noch mit so Nichtigkeiten wie
Unterrichtsvorbereitung, Arbeiten erstellen und korrigieren, ...uswusw
beschäftigen müssen.
Und definier doch mal bitte den "gewissen Grad".
Zu einem gewissen Grad bedeutet, wöchentlich 3-4 Stunden mit dem Lesen von
Zeitschriften, aktuellen Informationen und ähnlichen Sachen zu verbringen,
außerdem im Jahr 2-5 Tage externe Fortbildung, die auch nur zum Teil wieder als
Arbeitszeit gutgeschrieben wird. Und sich gelegentlich etwas intensiver mit
einem neuen Thema, Verfahren oder Werkzeug zu beschäftigen.
Und wären die Jungs nicht so häufig total technikfeindlich
eingestellt, dann wäre das auch mit Sicherheit kein Problem. Nur -
die meisten Lehrer können ja nichtmal richtig nen Overheadprojektor
bedienen.
Kann es sein, daß Du generell was gegen Lehrer hast? Ich muß wohl in
den letzten 13 Jahren die falschen Schulen besucht haben (abgesehen von
den Lehrern und Rektoren, die ich sonst noch so kenne)
Ich habe absolut nichts generell gegen Lehrer. Ich kenne sogar einige
(wenige) äußerst positive Beispiele. Was ich nicht mag, ist das ewige gejammere,
wie schlecht es denen doch geht.
Ein 08/15-Lehrer an einer normalen Schule hat im Jahr 12 Wochen Schulferien. Ein
Arbeitnehmer 26-30 Arbeitstage Jahresurlaub, das entspricht 5-6 Wochen. Welcher
Lehrer, den Du kennst, investiert von diesen 12 Wochen wieder 6-7 in die
Vorbereitung seines Unterrichts?
Darüber hinaus arbeitet ein Arbeitnehmer 35-45 Stunden pro Woche. Die meisten
Lehrer geben zwischen 25 und 30 "Stunden" zu je 45 Minuten Unterricht und
insgesamt 2-3h Pausenaufsicht und Besprechungen pro Woche. Das heißt, jeder
Lehrer müßte pro Woche ca. 15 Stunden Zeit für die Vorbereitung seines
Unterrichts, Korrekturen etc. aufwenden. Ich finde, wenn er das in dieser Zeit
nicht schafft, dann läuft irgendwas gewaltig schief. Zumindest ist er dann nicht
besonders effizient, was aber nicht zwangsläufig an ihm selbst liegen muß.
Hinzu kommen die Ferien, von denen so gesehen mindestens 6 Wochen im Jahr für
Weiterbildungsmaßnahmen, Projektvorbereitungen und Überarbeitung des
Unterrichtsmaterials verwendet werden müßten. Das findet in der Praxis so
nicht statt. Stattdessen fällt regelmäßig Unterricht aus, weil Lehrer zu
Fortbildungsmaßnahmen gehen, die man ohne Weiteres auch in die Ferien legen
könnte, und an vielen Schulen kann man von Glück sagen, wenn es die
Herrschaften schaffen, 14 Tage vor Schuljahresbeginn wieder aus den Ferien zu
kommen, um das Schuljahr vorzubereiten.
Ich erinnere mich noch gut an das Gezeter, als wir einigen Lehrern einer hier
ansässigen Schule den Vorschlag gemacht haben, während der Winterferien mit
ihnen gemeinsam den Rechnerraum Internet-tauglich zu machen und sie in die
Verwendung dieses Mediums einzuweisen. Übrigens für die Schule völlig
kostenfrei. Von 30 Kollegiumsmitgliedern sind 2 tatsächlich gekommen (!), und
die auch nur an 2 von 5 Arbeitstagen. Der Rest war sich zu schade, in den
Ferien in die Schule zu kommen und wollte lieber in Urlaub fahren.
Manchmal frage ich mich (böse, ich weiß), was die Leute eigentlich in
ihrem Studium und in ihren Weiterbildungsmaßnahmen lernen. 80 0er
Lehrer die ich kenne, haben Null oder kaum Ahnung von
Vortragstechnik, können mit einfachsten Präsentationshilfen nicht
umgehen und versagen regelmäßig bei der Bedienung moderner Lernmittel
wie Videorecorder oder PC. Für jemanden, dessen Beruf letztendlich
das Präsentieren und Vermitteln ist, finde ich das ein bisschen
dürftig.
Gib mal in der Volkshochschule einen Kurs für Anfänger, dann weißt Du,
wieviel Leute es gibt, die keine Ahnung von Video oder PC haben.
Die haben solche Dinge auch nicht als Beruf, sondern machen das in ihrer
Freizeit. Dagegen ist absolut nichts einzuwenden.
Ein Lehrer hat aber doch eindeutig den Beruf eines Vortragenden bzw.
Vermittelnden. Von einem Automechaniker erwarte ich die Fähigkeit zur
Bedienung eines Schraubenschlüssels. Genauso gehört zu den Grundfertigkeiten
eines Lehrers die Bedienung rudimentärer technischer Hilfsmittel für den
Unterricht - also Overhead-Projektor, Tafel/Whiteboard (auch das muß man
lernen),Videorecorder. Ich würde sogar noch etwas weitergehen und z.B.
Kreativitätstechniken und Metaplan-Arbeit mit fordern, denn damit läßt sich der
Unterricht sehr schön und einfach auflockern.
Doch die meisten Lehrer (übrigens auch an Hochschulen) können nicht mal ne
lesbare und übersichtliche Overhead-Folie produzieren. Stattdessen werden
völlig unlesbare Fotokopien von Büchern auf Folien gemacht, die dann kein
Mensch lesen kann. Oder der "Unterricht" besteht daraus, daß die Schüler ein
Fachbuch vorlesen. Prädikat besonders wertvoll. brr.
Und deine Aussagen über Lehrer? Sag das mal den Leuten, die was dran
ändern können, falls es wirklich so schlimm ist
(Kultusministerium usw.).
_Wir_ in der Liste können da nichts dran ändern!
Völlig richtig. Nur muß man an diesen Ursachen ansetzen, wenn man Dinge wie
Linux zum Erfolg bringen will. Ohne ein bisschen Motivation und guten Willen
auf allen Seiten gehts halt nicht. Und das ist zwar kein technisches Problem,
aber durchaus ein Problem der Linux-Community. Ich würde sogar etwas weiter
gehen und das Ganze gesellschaftlich sehen.
Wir brauchen weniger "Reklamekultur" und mehr Sinn für echte Qualität. Nicht nur
beim Betriebssystem, sondern bei allem was wir tun. Das fängt bei ganz banalen
Dingen wie Nahrung oder Klamotten an. Erst wenn der Mensch wieder lernt,
zwischen Werbeaussagen und Realität zu unterscheiden, kann er solche Probleme
wirklich lösen. Linux ist in seinem Bereich ein guter Ansatz. Aber eben nur ein
Ansatz. Das Problem ist kein technisches, sondern ein menschliches.
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Erhard Schwenk - alias Bitrunner =)B==o)
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